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Die Offizierseiten

Andreas Engermann, "Einen bessern findst Du nicht", 1960 S. 358 ff

Was war aber das Ideal eines Frontoffiziers, vom Landser aus gesehen?

Höchst einfach; und gleichzeitig höchst kompliziert, wenn man genau hinblickte.
Ich glaube, er müßte das gewisse Etwas haben, das man nicht lernen kann, nicht in der Kriegsschule, nicht im Kursus, nicht im Kasino und nirgends; man hatte es oder man hatte es nicht.

Vielleicht könnte man sagen, er müßte eine Persönlichkeit sein. Aber das war es nicht; Es genügte nicht.
Es gab viele Persönlichkeit unter den Frontoffizieren, die ich erlebt hatte, und doch waren nur wenige das Ideal.
Nun, sehen wir mal davon ab, daß es Ideale überhaupt nicht oder nur sehr wenige gibt, so wäre die Idealvorstellung eines Frontoffiziers zwar eine Persönlichkeit, aber eine für den Kampf begabte Persönlichkeit.

Der Oberleutnant Schleiermacher war das.
Klar, daß er nicht ohne menschliche Schwächen oder auch mal nicht ohne sachliche Mängel war.
Er war noch sehr jung. Manchmal kippte er auch ganz ordentlich aus den Pantinen und machte unnötigen Radau in seinem Zorn.
Jedoch hatte er etwas, was angesichts seiner Jugend unwahrscheinlich und eine besondere Tugend war: eine Gleichmäßigkeit!
Ich las mal, dies sei das Kennzeichen eines echten Gentleman. Nun, dann war er einer.
Er schlug heute nicht einen vertraulich auf die Schulter und wütete morgen mit demselben Mann; er blieb in dieser Hinsicht launenlos.

Und es war, wie ich fand, immer doch eine ganz feine, kaum wahrnehmbare Grenze zwischen ihm und den Männern, auch im fettesten Salat, auch mir gegenüber, der ich dicht neben ihm hundertmal zwischen Leben und Tod gegangen und der ich mit ihm per Du war.

Das beste an ihm waren seine blitzschnellen Entschlüsse in faulen Lagen, wo unsereinen, die wir ja auch nicht junge Hasen waren, zwar nicht die Nerven, aber doch die Spucke wegblieb, und wenn es nur für Bruchteile von Sekunden war. Er handelte blitzschnell.

Dann wäre noch zu sagen, daß er einen merkwürdig sicheren und kühlen Blick für die Qualität seiner Leute hatte. Er war nahezu vollkommen und hundertprozentig unbestechlich.

Mehr als einmal hatte wir erlebt, wie er plötzlich für irgendeine Sache irgendeinen Mann herausgriff, und dieser Mann, den bisher niemand von uns besonders beachtet hatte, erwies sich dann für diese Sache als der genau richtige Mann. Und umgekehrt, wie oft erlebten wir, daß er einen Kerl, der so prächtig aussah, wie der Erzengel Gabriel und sich auch so prächtig benahm plötzlich bei irgendeiner Aufgabe kaltstellte.

Sein Benehmen gegen Vorgesetzte war oft hanebüchen.
Er hatte da seine besonderen Lieblinge, die ihn nicht totkriegen konnten. Wir erlebten das am deutlichsten, wenn einem der Männer von oben her Unrecht drohte.
Dann ging der Oberleutnant los. Wir waren uns auch ganz klar darüber, daß er bisweilen die Grenzen überschritt und dann eins auf den Zylinder bekam, daß er von obern bis unten doch für einen Augenblick wackelte. Das überstand er schnell.

Von seinem persönlichen Mut zu sprechen, würde mich genieren.
Dabei bin ich mir sicher, daß er die Todesangst genauso kannte, wie jeder von uns sie kannte.
Nur besaß er die Fähigkeit, diese Furcht, die ja nicht nur eine Leibliche, sondern immer auch eine Seelische war, erstens niemals zu zeigen, mochte sein Gesicht auch so totenblaß sein wie unseres , und zweitens sie zu überspringen.
Diese beiden soldatischen Tugenden hatten auch wir uns angeeignet, aber es kam bei ihm noch eine Dritte hinzu, nämlich die Gabe, mitten im Gewitter unverzüglich nicht nur zu handeln, sondern auch andere handeln zu lassen. Und zwar deutlich, unmißverständlich und umfassend!

Von ihm weiter zu berichten, daß er für seine Leute unaufhörlich sorgte, würde mich wiederum genieren.
Es bliebe bei diesem Punkt höchstens zu sagen, daß er für seine eigenen Bedürfnisse stets der Letzte war!

Ich weiß nicht, wie er es fertigbrachte, aber noch in der größten Suppe sah er immer gepflegter aus, als wir alle und wirkte immer durch einen Schimmer von steter Sauberkeit, auch im gröbsten Dreck.
Auch das ist eine Tugend des Vorgesetzten, die man nicht unterschätzen soll, und sie hat nichts zu tun etwa mit einer besser geschnittenen Uniform oder dergleichen.
Ich glaube, es kommt von innen heraus und bildet einen Teil der Begabung zum Offizier.

Etwas hatte er vor uns allen voraus, und auch voraus vor vielen seiner Kameraden: er war außergewöhnlich trainiert  und außergewöhnlich gewandt, also körperlich in vorbildlicher Form. Und zäh wie ein Kater.

Und dann fällt mir ein, besaß er einen unerhörten Humor, und das war nun wirklich eine Gabe Gottes.
Auf ihn wirkten komische Personen, komische Ereignisse und dergleichen rettungslos.
In der Schlacht, und das weiß jeder Krieger, gibt es in ganz schweren Situationen sehr selten Momente, die durch Humor zu retten oder zu überbrücken sind.
Wenn Du in der Mitte der Explosionen stehst oder gehst, kann Dich kaum ein Witz darüber hinwegsetzen. Es sei denn, es befindet sich eine Horde wirklich ganz und gar ausgekochter Berserker zusammen, die noch, wenn ich mich so ausdrücken darf, die sausende Sense des Todes mit einem Schwung spöttischer Spucke treffen. Aber das ist selten.

Diesen Berserkerhumor besaß zum Beispiel Oberleutnant Schleiermacher in diesem Ausmaße nicht.
Im Gegenteil: In Augenblicken schwerster und allerletzter Bedrängnis, wo alle Hoffnung schwieg, bekam sein Gesicht und sein ganzes Wesen den Ausdruck glatten, ruhigen, merkwürdig unheimlichen Ernstes.
Wir haben das oft an ihm beobachtet.

So dachte ich während meiner Ausheilung oft über ihn und andere Vorgesetzte nach und machte mir ein Bild.
Und immer nervöser dachte ich daran, wie ich es möglich machen könnte, wieder mit ihm zusammen zu einer Einheit zu kommen.

Einen Besseren konnte ich nicht finden, als ihn...